8. Januar 2019

AUF DER REISE: BULGARIEN 08

Das Schwarze Meer und Tyson
Heiße Quellen, spirituelle Vulkankrater
und ich lerne eine
Travel Witch kennen.
Kyrillische Buchstaben
schauen mich in Sofias Straßen an,
manche Läden sind auf Kniebeugenhöhe.
Unverhofft einzigartig,
bärenstark und wellenreich
schwappt
das Schwarze Meer
hin und her.
Ich versuche Hundewelpen zu retten,
während die verwaisten Wasserrutschbahnen
so bunt und plötzlich doch so fehl am Platz wirken.
*

An der Grenze nach Bulgarien dauert es ein wenig, sie winken mich zwar durch, aber ich benötige noch eine Vignette. Nirgends funktioniert das Kartenlesegerät. Irgendwann finde ich eine noch offene Bank und kann an der nächsten Tankstelle das goldene Ticket kaufen. Danach muss ich noch eine Weile über Dorfstraßen und schlecht beleuchtete Straßen durch Wälder fahren, um an unserem ersten Campingplatz anzukommen. Das Tor ist verschlossen, es ist schon beinahe 0 Uhr, zum Glück hatte ich aber Bescheid gesagt, dass ich noch käme. Die Besitzerin Sara aus England macht mir nach einem Anruf auf und freut sich, dass ich noch gekommen bin, zeigt mir Haus und Hof. Tyson und ich machen uns schnell bettfertig und schlafen im vom Wind hin- und hergeschüttelten Auto wohlig aufgehoben ein.



Ich hatte keinerlei Vorstellungen von Bulgarien, klar, die Partystrände (Goldstrand, etc.) am Schwarzen Meer sagten mir was, aber der Rest vom Land? Ein weißer Fleck auf meiner Kopflandkarte. Und wie wunderbar überrascht ich werde: es gibt viele heiße Quellen in diesem Land und während Tyson auf unsere Sachen aufpasst, wate ich vorsichtig durch das warme Nass. Gerne hätte ich Kyrillisch lesen können, dann wäre ich nicht in diese besonders heiße Wasserspur getreten – den Rest des Tages habe ich rote, dafür warme Füße. Auch spirituell ist die Gegend spürbar: in einem ehemaligen Vulkankrater hauste früher die blinde Wahrsagerin Baba Vanga, deren Vorhersagen von Staatschefs und anderen prominenten Persönlichkeiten entgegengenommen wurden.

Baba Vanga, die Wahrsagerin // Baba Vanga, the fortune teller
Dank Wein und leckeren bulgarischen Gerichten lerne ich Maria Mitova kennen: sie spricht mich an, als ich im kleinen Ort Melnik mittagesse. Sie gibt mir den Tipp zu einem nahegelegenen Kloster zu fahren. Und dort treffe ich sie und ihre Freundin später wieder. Das Kloster ist leider zu, Tyson und ich bekommen aber einen überragenden Tipp für eine kurze Gassirunde, die uns zum Sonnenuntergang auf eine Aussichtsspitze eines kleinen Berges führt. Wir tauschen Nummern und machen ein Treffen in Sofia aus, sobald ich dort bin.

Maria's Tipp
 Die untergehende Sonne, der bereits im Himmel stehende Mond und diese tollen Himmelsfarben verleiten mich beim Zurückfahren zu einem spontanen Stopp, der leider zwecks einer vergessenen Kupplung zu einem Kurzschluss meiner Elektrik führt. Keine Lampe tut mehr, kein Blinker, kein gar nichts. Wäre nicht so schlimm, würde meine Hupe wenigstens funktionieren. Und das sind die schönen Momente beim Reisen: etwas geht schief und du kannst es selbst wieder reparieren. Bei der nächsten Tankstelle öffne ich den Sicherungskasten unterhalb des Lenkrads und stelle erleichtert fest, dass da noch eine Ersatzsicherung ist. Ich tausche die Sicherungen aus und siehe da, alle Lampen blinken wieder. Selbst ist die Frau!

Das Rila Kloster // The Rila Monastery

Bulgarien führt mich als nächstes zum Rila Kloster in das südwestlich gelegene Rila Gebirge. Dort sind Hunde nicht erlaubt, auch wenn ich nicht einmal die Kirche von innen besichtigen möchte. Es ist kalt, es wird schneller dunkel und alle umliegenden Campingplätze sind schon geschlossen. Auf der Fahrt den Berg hinunter sehe ich nur Hotels, die mir nicht ganz geheuer sind. Aber dann: ein großer Parkplatz mit Picknick-Stelle gegenüber eines nett aussehenden Restaurants. Ich frage dort nach, ob ich die Nacht auf dem Parkplatz verbringen dürfe, ich sage es einer Frau. Über die Straße huscht ein Fuchs. Die Pasta ist schnell gekocht, das Dunkel hat uns eingeholt und ich koche und esse mit Stirnlampe weiter. Als ich in den Waldrand neben uns leuchte, leuchten mich zwei Augen zurück an. Höhe Fuchs. Kein Grund zur Sorge. Ich packe alles, was ich gekocht habe ins Auto und kuschel mich in meinen Schlafsack, Kopf zu den hinteren Türen, Füße zum Fahrersitz. Tyson kuschelt sich in seine Höhle. Es ist wirklich verdammt kalt. Es wird die kälteste und aufregendste Nacht unserer Reise sein.
Mitten in der Nacht kratzt Tyson unten am Schlafsack und will offensichtlich ganz dringend zu mir rein.
„Hier oben ist der Eingang“, sage ich.
Plötzlich brummt und knurrt es tief, lang und gefährlich ein paar Zentimeter nur von meinem Kopf entfernt. Tyson hat sich bereits in den Schlafsack gekämpft und tut so als ob er schliefe. Ich liege starr da und wage es nicht zu atmen. Das Tier (der Mensch? Will mich jemand erschrecken? Hat jemand im Restaurant eine dumme Idee gehabt?) fängt an rechts am Auto vorbeizurennen, erst langsam, schwer, 150 Kilo schwer vielleicht, dann schneller, leiser, bis es ganz weg ist. Das Geräusch. Das Tier. Ein Fuchs? Nicht schwer genug. Ein Hund. Dasselbe. Eine Kuh? Kann die so tief grummeln? Mir fällt es erst am nächsten Morgen ein, auch wenn ich keine Spuren mehr finde.
Ein Bär.



 



In Sofia treffen wir uns mit Maria auf Kaffee und Kuchen, sie macht einen Plan, was ich alles noch in Bulgarien sehen muss, wir merken, wir sind uns ähnlich, sie ist ein Jahr älter, Sport- und Ernährungsberaterin zusammen mit ihrem Mann, möchte aber eine Reiseagentur für Kleinstgruppen mit ihrer Freundin gründen, sie nennen sich Travel Witches. Wir reden und reden und der Nachmittag geht vorbei wie im Nu.
Sofia ist eine prachtvolle Stadt mit vielen Schichten, hier vermischt sich Rom mit Russland, Islam mit Judentum und Christen, die Antike mit der Moderne. Eine Free Walking Tour bringt uns zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Die inoffiziellen Sehenswürdigkeiten liegen in der Nähe des Bodens: es sind tiefer gelegte kleine Kioske, man muss in die Hocke gehen, um etwas zu kaufen. Die perfekte Größe für Tyson! Übrigbleibsel aus einer anderen Zeit. Squad Shops werden sie genannt.

 

Dank Maria sehe ich noch viele wundervolle Dinge in Bulgarien, die ich so nicht auf dem Schirm gehabt hätte: in Devin spazieren wir auf Holzbrücken über Wasserwege, in Plovdiv bewundern wir die trendigen Viertel und dann geht es ans Schwarze Meer.


Devin
Mit der Sonne im Rücken fahren Tyson und ich zur östlichen Grenze Europas. Und am Schwarzen Meer überschlagen sich die Ereignisse: wir retten von acht Hundewelpen, die ich in einer Mülltonne finde, wenigstens fünf. Wer steckt kleine, blinde Welpen, die nur wenige Stunden alt sind in eine Plastiktüte und schmeißt sie wie Müll weg? Ein einschneidendes Erlebnis.


Wir besuchen den südöstlichsten Punkt von Europa und stehen in Sichtweite der Türkei, wir klettern und springen an Stränden und unter seltsam aufgetürmten Steinen, die aussehen, als ob sie jeden Moment umfallen würden und fahren vorbei an leergefegten Stränden, an verlassenen Hotels und Prostituierten auf einer Waldroute, die vermutlich nach Ende der Sommertouristensaison leider anderweitig Geld verdienen müssen. Das Schwarze Meer wühlt auf und lockt an, manchmal ist es ziemlich dunkel zum Grund, manchmal ist überall schneeweiße Gischt zu sehen.









Die Klippen von Tyulenovo sind einer der letzten Stopps, die Maria empfahl, es ist gleichzeitig mal wieder eine tolle Begegnung mit einem großen Streuner – Tyson kann sich fast nicht losreißen. Und hätte ich daheim mehr Platz...


Klippen von Tyulenovo // Cliffs of Tyulenovo



Nach 10 Tagen in Bulgarien erreichen wir die Grenze und die Kontrolle ist kurios: der bulgarische Grenzbeamte schaut ganz genau in den Kofferraum, hebt die Matratze an und geht mit seinem rumänischen Kollegen hinter das Grenzhäuschen. Zwei Minuten später kommt der rumänische Beamte zurück, drückt mir die Papiere in die Hand und wünscht mir gute Fahrt. Keine. Einzige. Frage. Weder zum Auto noch zu mir, noch zu Tyson.

Die letzte Grenze ist geschafft.

Tschüss, Überraschungspaket Bulgarien!

***

Hot springs, spiritual volcanic craters
and I am getting to know
a Travel Witch.
Cyrillic letters
point at me in Sofia's streets,
Some stores are on squat height.
Unexpectedly unique,
as strong as a bear rich in waves
moves
the Black Sea
back and forth.
I try to rescue puppies,
while the orphaned water slides
seem colourful yet
so out of place.
*

It takes a while on the border to Bulgaria, they wave me through though, but I still need a vignette. Wherever I go, the card reader does not work. No lev yet, no vignette. An open bank in a little village saves me and I can buy the golden ticket at the next gas station. Then we have to drive on bumpy village streets and badly lit forest roads until we finally arrive at our first campsite. The gate is locked and it's almost 12 o'clock, so no wonder. Fortunately, the owner Sara – she’s from England – opens after a call and is happy that I have come, she shows me the house and campground. Tyson and I quickly get ready for bed and fall asleep in the wind shaken car.

Bulgaria is a blind spot on my inner map. Of course, there are the party beaches and the Black Sea but the rest of the country? I know nothing about it. And how wonderfully surprised I am: there are many hot springs in this country and while Tyson takes care of our things (literally sits on our stuff), I carefully wade through the warm water. I would have liked to be able to read Cyrillic as I probably would have avoided stepping in this absolutely cooking hot water trail – for the rest of the day I have red but warm feet. The area around Rupite is a spiritual one: it is a former volcanic crater and the blind fortune-teller Baba Vanga used to live here. Her predictions were received by heads of state and other prominent personalities.

Thanks to some wine and a tasty Bulgarian dish I get to know Maria Mitova: she speaks to me as I am having lunch in the small village Melnik. She gives me the tip to drive to a nearby monastery. And some time later that day I meet her and her friend there. The monastery is closed but Tyson and I get a brilliant tip from Maria for a short walk that leads us on a lookout point of a small mountain where we witness a fantastic sunset. Maria and I exchange numbers and make a plan to meet in Sofia as soon as I am there.

The setting sun, the luminous moon and the great colours in the sky lead me to a spontaneous stop causing the electronic system of the car to have a massive crash because I simply forgot to operate the clutch pedal. The short circuit killed lamps, turn signals and everything else that shines in a car. It would not be so bad if at least my horn worked. Alas, these moments can belong to the beautiful and rewarding ones when traveling: something gets broken and you actually repair it yourself! At the next gas station I open the fuse box below the steering wheel and because I am lucky I find a replacement fuse for this specific part of the electric. I replace one with the other and all the lamps are flashing again. A woman is her own man!

Next we go to the Rila Monastery in the southwestern Rila Mountains. Dogs are not allowed here even if I do not even want to visit the church from the inside. It is cold and it gets dark very fast. All surrounding campsites are already closed for the winter. On our way down from the mountain I can only see hotels that give me the creeps. But then: a large parking lot with a picnic spot opposite a nice looking restaurant. Inside the restaurant I ask a woman if I can spend the night in the parking lot. Sure, she says. A fox scurries across the street. I quickly cook some pasta and while the darkness catches up with us I cook and eat wearing a headlamp. As I shine in the forest next to us two eyes reflect my light. It’s about the height of a fox. No reason to worry. I pack everything I've cooked into the car and cuddle up in my sleeping bag, head to the back doors, feet to the driver's seat. Tyson cuddles in his doggy bed. It's really really cold. What I don’t know yet: it will be the coldest and scariest night of our trip.
In the middle of the night Tyson scratches at the bottom of my sleeping bag and wants to get in.
"You have to get in up here," I say.
Suddenly, I can hear a deep and long and dangerous sounding growl only a couple of centimetres from my head. Tyson has found his way into the sleeping bag pretending to be asleep. I am suddenly wide awake. I lie there rigid and dare not to breathe. The animal (a man?, does anyone want to scare me, did someone in the restaurant have a stupid idea?) starts to thump thump thump past the car on the right side, slowly, 150 kilos maybe, then faster, quieter, until it is completely gone. The noise. An animal. A fox? Not big enough. A dog. Same thing. A cow? Can cows growl like that? The next morning, even though I find no traces, I know.
A bear.

In Sofia we meet with Maria over coffee and cake and while she makes a huge plan of what I have to see in Bulgaria we realize that we are very similar. She is one year older though and gives people advice in sports and nutrition. She would like to establish a travel agency for small groups with her friend – that’s why I met them in Melnik – they call themselves Travel Witches. We talk and talk and time flies by.

Sofia is a magnificent city with many layers where Rome mixes with Russia, Islam with Judaism and Christianity, antiquity with modernity. A free walking tour takes us to the main attractions. The unofficial sights however are closer to the ground: there are a couple of small kiosks that start below street level and have a small window at the height of your legs so you have to crouch down to buy something. It’s the perfect size for Tyson, by the way! Remnants from another time. They are called squad shops.

Thanks to Maria I see so many wonderful things in Bulgaria I would not have known existed: in Devin we walk on wooden bridges over a river and I jump into the warm waters of a thermal bath, in Plovdiv we admire the trendy neighbourhoods and then: the Black Sea.

With the sun on our backs, Tyson and I drive to the Eastern border of Europe. Arriving at the Black Sea one incident follows another: I am horrified as I find eight dog puppies in a garbage bin. We can rescue five of them. Who puts small still blind puppies only a few hours old into a plastic bag and throws them away like garbage? A dramatic experience.
We visit the south-eastern endpoint of Europe and can see Turkey on the other side of the sea, we run and jump on beaches and underneath strangely piled stones that look as if they would fall over at any moment, we drive past so many empty beaches, abandoned hotels and lonesome water slides. We also drive past prostitutes on a forest road and the thought pops in my head that maybe because summer tourist season is over these women unfortunately have to make their money in a different business. The Black Sea rumbles and lures, sometimes it is quite dark and you can’t see the bottom, sometimes there is snow-white foam everywhere.

The cliffs of Tyulenovo are one of the last stops that Maria recommended but at the same time it's another great encounter with big stray dog – Tyson can hardly tear himself away. And if I had more space at home ... Finally, after 10 days in Bulgaria, we reach the border and the control is odd: the Bulgarian border official takes a hard look at the trunk, pulls up the mattress and vanishes with his Romanian colleague behind the office. Two minutes later, the Romanian official comes back, hands me the papers and wishes me a good trip. Not. One. Single. Question. Neither about the car nor me nor Tyson.

We crossed the very last border of our trip.

Bye bye, surprising Bulgaria!

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